Gedanken zum Jahreswechsel – Es herrschen seltsame Zeiten…

Den Wechsel der Jahre habe ich bisher fast immer als etwas Magisches empfunden. Das alte Jahr ist schon so gut wie vorüber – das neue Jahr hat noch nicht begonnen. Doch sie kommen sich bereits so nahe, dass die in sich verwobenen Fransen der Ausläufer beider Zeiten mir in diesem kurzen Abschnitt das Gefühl geben, von einem sicheren Netz getragen aus dem alten in das neue Jahr hinüberschreiten zu können…

Doch dieses Gefühl der Geborgenheit ist nun weg.

Dieses Mal wenden sich beide Jahre voneinander ab. Es gibt keine Überlappung. Die Zeitenwende fühlt sich an, wie ein Vakuum. Der Sauerstoff wird mir von einer Macht, die so unermesslich ist, dass sie ein einfacher Mensch nicht einmal flüchtig erahnen könnte, aus den Lungen gepresst. Es ist kalt, so eisig kalt. Ich bin umgeben von einem nicht enden wollenden, pechschwarzen und Furcht einflößenden »Nichts«.

Nachdem Freude und Glück aus meinem Leben ausgemerzt worden sind und die letzte Hoffnung erstickt, wie Feuer in einem geschlossenen Raum; wenn ich das spitze Knacken meines erfrierenden Herzens nur noch dumpf und leise höre, wie durch Watte hindurch; wenn sich der gigantische Strom meiner Gefühle lediglich in einem niederfrequenten Brummen in der Magengegend manifestiert wie ein Stromschlag, der nie mehr enden will; wenn alles um mich herum farblos, blass und dunkel wird, während die Sterne am Himmel verglühen und langsam erlöschen; wenn die Grabeskälte in meiner Nase flimmert und ich den Geschmack von Blut auf der Zunge habe; wenn mein Glaube an die Zukunft träge, kraftlos und finster wird, und lautlose Tränen an meinen Wangen festfrieren: Dann weiß ich, dass mein Leben mal wieder falsch abgebogen ist und ich die Abzweigung in die Hölle genommen habe…
Die Hölle ist in meinen Augen nicht »heiß«. Da geht es nicht zu. Keine Kessel mit Schwefel, kein Gedränge. Meine Hölle ist nicht laut. Meine Hölle ist im Grunde ganz einfach: Meine Hölle ist kalt, stumm und noch viel dunkler als das schwärzeste Schwarz. Als triebe ich auf ewig erfroren durch eine unendliche Leere zwischen verloschenen Sternen. Das ist meine eigene, ganz persönliche Hölle.

Nach zwei Wochen im Panikmodus stürzen mich meine rasenden Gedanken jeden Tag aufs neue in ein Dilemma: Zu müde, um wach zu sein, aber zu wach, um zu schlafen. In diesem Dämmerzustand friste ich die wenigen Tage, die noch bleiben.

Der Jahreswechsel ist im Anmarsch, das ist vollkommen klar! Das neue Jahr wird aber dieses Mal nicht das Licht am Ende des Tunnels, sondern die Lampe des Schnellzugs sein, der bedrohlich donnernd auf mich zurast. Eine gräuliche Masse, schemenhaft wabernd, wie dichter Nebel an einem trostlosen Novembermorgen, die mir unausweichlich mit tödlicher Bestimmtheit direkt entgegenkommt. Gefühle, die stärker sind als alles, was ich bisher erlebt habe, werden mich erfassen. Das Getöse wird lauter. In seinem Echo kann ich verschwommen das tiefe Dröhnen der Sirene heraushören. Es ist im Kommen! Ich verdränge die Gedanken an die Kollision. Schmerzen, Brechreiz und Schweißausbrüche. Der Aufprall ist im Kommen…

Und während wir angeblich die reichen, die begüterten, die absoluten Gewinner mit dem dicken Jackpot auf dem Angesicht dieser Welt sind und es objektiv 99,9% der Weltbevölkerung »schlechter« geht als uns, frage ich mich doch, wie das damit zusammenpasst, dass Menschen auf der ganzen Welt wohl gerade darüber nachdenken, was sie nächstes Jahr aus ihrem Leben machen werden, während ich mir zunehmend öfter vorstelle, wie meins mal enden wird.

Auf Wiedersehen, Scheiß Jahr!
Willkommen, Scheiß Jahr!

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